Der Aids-Poker: Die Verhinderer

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Die_Verhinderer

Keine Schwulenszene – Kein AIDS – Keine Prävention

Es war eine beispiellose Kampagne: Aus Angst vor der neuen Krankheit AIDS machten Münchner CSU - Politiker in den frühen achtziger Jahren Stimmung gegen Schwule. Die Szene sollte zerschlagen, Infizierte verhaftet werden. Besonders der Hardliner Peter Gauweiler brachte alle möglichen Abwehrmethoden gegen die „Schwulenseuche“ ins Gespräch. Von der „Absonderung“ von HIV - Positiven bis zum Zwangstest  für „Ausscheidungsverdächtige“ reichte die Palette der „Sondermaßnahmen“.

Sein erklärtes Ziel: schwule Infrastruktur zerschlagen, um Infektionsketten zu kappen. Er ließ die Münchner Szene rasieren. Die "Spinne" ein beliebtes Travestielokal wurde geschlossen. Auch eine Sauna fiel zum Opfer. Dann wurde vorgeschrieben, dass es in den verbliebenen Saunen keine Einzelkabinen geben dürfe. Türen mussten offen bleiben. Die Lichtstärke der Beleuchtung wurde festgelegt. Ein Lokal, in dem Pornofilme liefen, hatte fortan um ein Uhr zu schließen, anstatt um drei Uhr wie die anderen.

Wenn ich nicht mehr weiter weiss, bilde ich einen Arbeitskreis!

Man mag über solchen Unfug und Schikanen heute lächeln. Das Land Brandenburg hat seit 2002 einen Gesundheitszielprozess zu HIV/ Aids initiiert. Dieser wird jedes Jahr auf einer Fachtagung aktualisiert. Grundsätzlich heißt es:

Aufgabe der Gemeinschaftsinitiative ist es, die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure … im Aufgabengebiet HIV / Aids und STD zu fördern, ihre Aktivitäten aufeinander abzustimmen, ihre Ressourcen zu bündeln und auf gemeinsame Ziele und Maßnahmen hin auszurichten. Dazu gehört die Erarbeitung von Gesundheitszielen in diesem Bereich.

Dieser hehren Worte lohnt es nachzugehen. Denn merke, bildet man einen Arbeitskreis bedeutet das nicht zwangsläufig, dass bei gleicher Zielvorgabe verschiedene Akteure im Netzwerk handeln werden. Unterschiedliche Gewichtung von Machtinteresse, Finanzierungsdruck oder die persönliche Gefühlswelt können ausschlaggebend für den Sieg oder das Scheitern des jeweiligen Projektes sein.


Das Synergie – Denken, welches auch die Deutsche AIDS - Hilfe (DAH) in eigens ausgerichteten Seminaren propagiert, ist im Brandenburgischen Kleingärtner – Präventionsmilieu zwischen die Fronten des HIV – Adels institutioneller Meinungshoheiten und wenigen Aids – Aktivisten geraten. Netzwerk war gestern. Heute versucht jeder seine Hecke höher zu schneiden. Verlierer ist die Hauptbetroffenengruppe von HIV/Aids – die Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben und die Gruppe der besonders sexuell aktiven Jugendlichen.

Verschiedenheit muss kein Grund für Rivalität sein, sondern Ermutigung, nicht am eigenen Weg stehen zu bleiben. (Gabriele Kerntopf bei der Regenbogenflaggenhissung anläßlich des CSD Brandenburg 2008)
Unter den gegebenen Umständen können wir uns den Luxus nicht leisten, uns untereinander Konkurrenz zu machen, in dem Bestreben Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender ein lebenswertes und tolerantes Umfeld zu schaffen. Sich gegenseitig die ohnehin schon knappen Fördertöpfe abzujagen, dient nicht der Sache, sondern erschöpft Kräfte, die eigentlich an anderer Stelle- nämlich für das gleiche Ziel gebraucht werden.

Gabi_hochEs ist selten dass Gabriele Kerntopf die Katze aus dem Sack läßt. Aber anlässlich des CSD Brandenburg 2008 ist sie es. Wenn sie also sagt, dass homosexuelle Gruppen nicht in die Konkurrenz um Fördermittel mit dem dahinsiechenden "Landesverband" treten dürfen, meint sie in letzter Konsequenz sich selbst und ihr Überleben als „Tante Emma“ – Laden. Manche nennen die Einrichtung auch „Landeskoordinierungsstelle“ (LKS).

Dabei tut sie alles um den Eindruck von „Rivalitäten“ nicht aufkommen zu lassen. So erscheint sie höchst selten zu den Treffen der Initiative Brandenburg - Gemeinsam gegen AIDS. Entschuldigt wegen Krankheit, Urlaub oder anderen wichtigen Terminen. Jahrelang. Inhaltliche Arbeit zu diesem Thema: Unter der Nachweisgrenze.

Mit dieser NICHT(HIV/ Aids)POLITIK ist sie landesweit erfolgreich. Kenner nennen als Gründe für diesen „Erfolg“ die  selektive Informationspolitik der LKS. Alle werden durch die LKS nur so weit mit Informationen gefüttert, wie es in den Augen der Leiterin sinnvoll erscheint. So war es offensichtlich nicht allen Vorstandsmitgliedern des "Landesverbandes" AndersARTiG e.V. geläufig, dass das Sozialministerium im letzten Jahr nach langwierigen und nervenden Querelen zwischen den Beteiligten in Not geriet und den Akteuren ein Mediationsverfahren vorschlug. Erst im Nachhinein soll es eine schriftliche Ablehnung des ministeriellen Ansinnens durch AndersARTiG gegeben haben. Diese liegt, trotz Nachfrage nur „Auserwählten“ – Mitgliedern der Initiative vor.

„Jirka ich weiss das Du pokerst. Aber wir können besser pokern!“ (Cherry Moonlight/ Christian Müller bei einem Mediationstreffen zur Aufnahme von Katte e.V. in die DAH)

cherryhochAuch in der Lausitz hat Informationspolitik gegenüber den Mitgliedern des Vereins eine eigentümliche Note. Im Duktus des spürbar Gequälten informierten Pressesprecher und Vorstandsheroe Christian Müller die Mitglieder per Rundbrief über ein wiederholtes Angebot von Katte e.V. zur Zusammenarbeit. Im Kontext richtig dargestellt, versäumte er es nicht, die Mitglieder mit Ausschluss zu bedrohen, wenn das einzelne Mitglied solche Angebote annehmen würde und dieses im Zusammenhang mit dem Aidshilfe – Verein geschähe:

Denkt bitte daran, dass ordentliche (Mitglieder) und Fördermitglieder ausgeschlossen werden können, wenn sie gröblich oder wiederholt gegen die Satzung oder die Interessen des Vereines verstoßen.

Die permanente Aufsicht über das Handeln des Einzelnen und die Bevormundung der Engagierten wirkt ein bisschen wie eine Sekte. Ein Hinweis auf den Sektenähnlichen Status sind die Flüchtigen. Ehemalige Vorstandsmitglieder löschen sich vorsichtshalber aus allen sozialen Netzwerken. Sicher ist sicher. Die Übriggebliebenen und die Ahnungslosen schweigen. Höhepunkt im Lausitz – Drama ist eine ominöse Mitgliederversammlung:

„Christian Müller erklärt an Hand des Welt – AIDS – Tages, welche Schwierigkeiten der Vorstand und auch die Projektgruppe zu meistern hatten, da sich ein Großteil der Mitglieder aus dem für die AIDS – Hilfe Lausitz im Jahr 2009 größte Präventionsprojekt herausgehalten haben. Einzelne Stimmen haben signalisiert,  der Weg des Vorstandes sei nicht richtig. Über das Jahr 2009 hinweg seien Worte vernommen worden, die das Vertrauensverhältnis anzweifeln.“

Unter dem Tagungsordnungspunkt 4.1. – Vertrauensfrage des Vorstandes - wird dann selbiger ohne weitere Diskussion mit sensationellen 100 % der anwesenden Mitglieder in seinem Amt bestätigt. Mit verantwortlich für diesen „supertollen“ Erfolg ist eine liebe Freundin aus Potsdam. Diese bringt auch gleich noch ein paar Mitstreiter, wie Lars Bergmann (Geschäftsführer des Jugendnetzwerkes Lambda Berlin) mit. Gabriele Kerntopf ist eine erfahrene Unterstützerin für den reibungslosen Ablauf von Wahlen bei Mitgliederversammlungen. Die Abläufe werden minutiös mit den „Verbündeten“ bei Kaffee und trockenen Keksen in ihrer Potsdamer Residenz vorbereitet. Kritiker werden vorab mundtot gemacht. Mehrheiten werden im Vorfeld gesichert.

Nur hilft das Ganze in der Sache ziemlich wenig. Die real existierende Unterstützung der Mitglieder bei Projekten wie den Remindersday oder den CSD Cottbus tendiert weiterhin gegen Null.

 Liest denn eigentlich jemand unseren Teambrief?

Martincherry… ist die Frage die Martin Eiser in die Runde stellt, als es im März zu einer dringenden Mitgliederversammlung der Aidshilfe Potsdam kam. Artig meldeten sich alle 12 Anwesenden. Daran liegt es also nicht, dass der Verein in Sachen Präventionsarbeit inzwischen handlungsunfähig ist. In der Tat, der Zustand ist dramatisch: Die Aidshilfe verfügt über praktisch keine Ehrenamtler mehr. Informationsstände können nicht mehr besetzt werden.

Ein Ex – Ehrenamtler, der jetzt lieber im Szene – Berlin für ein richtiges Präventionsteam arbeitet, bringt es auf den Punkt: „Die sind einfach langweilig!“ Das sollte man gar nicht glauben, denn der Vorsitzende des Vereins könnte ein Szene – mäßiger Berlin Friedrichshain – Boy sein. So einer den man bei allerlei denkwürdigen Partys finden könnte, in allerlei (an dieser Stelle) unaussprechlichen Situationen.

Aber irgendetwas tickt nicht richtig. Denn Angebote, den unter permanenten Ehrenamtler – Mangel leidenden Verein zu unterstützen, gab es zur Genüge. So fummelten alle möglichen Leute Infomaterial und Kondome in 14.000 Brot und Butter - Tüten, um damit Schüler_innen, die die Schulabgangsuntersuchung absolvieren, glücklich zu machen. Der federführende Verein Aidshilfe Potsdam wäre gnadenlos an sich selbst gescheitert, wäre er bei der Aktion alleine gewesen. Für die beiden Vereine Katte und Positiv Wohnen die das Projekt personell massiv unterstützt haben, war ihre investierte Arbeitszeit ein Zeichen von Solidarität und des guten Willens.

Mit der Wahl Martin Eiser zum Vorsitzenden vor einigen Jahren verband sich eben auch die Hoffnung auf einen Neuanfang in den zerrütteten Verhältnissen des Brandenburger Präventionsmilieus. Alle Versuche Martin Eiser von Netzwerkarbeit im HIV/ Aids – Bereich in Brandenburg zu überzeugen, schlugen fehl. Man kann ihm eine geistige Resistenz bescheinigen, die es mit seinem Vorgänger im Amte, Harald Petzold locker aufnehmen kann. Die Realitätsverweigerung hat eine Qualität, die gut und gerne an den damaligen greisen Partei- und Staatschef Erich Honecker heranreicht. Mitarbeiter_innen bescheinigen ihm dann auch: „Das hat der Eiser ganz schön vergeigt.“

Vergeigt hat er wirklich eine ganze Menge. So versuchten in diesem Jahr mehrere Leute in den Verein einzutreten. Da war der zweite schwule Aidsberater des Landes Brandenburg. Alleinig mit dessen Hilfe, kann die Aidshilfe das Angebot des Schnelltest für MSM machen. Er hat seinen Antrag zurück gezogen. Ihm war die Bearbeitungszeit von einem halben Jahr einfach zu lang. Unter den Eintrittswilligen war der Organisator der Schwulen Filmnacht. Der hatte vor, seine Connection zum Potsdamer Filmmuseum zu nutzen, um zum Welt – Aids – Tag eine Filmnacht zu organisieren.  Auch er zog seinen Antrag zurück. Dann wäre noch eine Jugendgruppe gewesen. Die drei Kandidaten hätten Stände betreuen, Mediendesign beisteuern und ihre Verbindungen in die Jugendpolitik nutzen können. Jugendliche wollen etwas tun und sich keinem Erwachsenen – Kontrollgremium unterwerfen. Die wollen einfach was losmachen. Jugendgruppe in der Aidshilfe Potsdam? Die Chance ist vertan! Zu Guter Letzt war ja da noch derjenige der zwischendurch das Rote – Schleifen – Frühstück übernommen hatte. Auch ihm war dann die Bearbeitungszeit seines Antrages auf Aufnahme im Potsdamer Aids - Bekämpfer – Verein zu lang. Nur einer ist durchgekommen. Es ist ein angehender Jungpolitiker. Dieser sitzt im Übrigen in einem Landesvorstand. Aber was soll der Mann ohne Unterstützung machen?

Trotz des katastrophalen Vereins – Management kann Martin Eiser sich innerhalb der Aidshilfe auf gute Freunde verlassen. Denn wenn es um seine Mehrheiten bei Wahlen wie im März diesen Jahres geht, ist – wen wundert es noch – Gabriele Kerntopf als Vereinsmitglied der Aidshilfe Potsdam dabei. Aber diesmal schien das Altbewährte nicht zu reichen. Urplötzlich, wie aus dem Nichts tauchte der bis dato absolut unbekannte Oswald Fischer auf. Die Aufnahme ging in Lichtgeschwindigkeit über die Bühne. Er ist drei Tage nach Aufnahme in den Verein, neues Vorstandsmitglied. Hat er Ahnung über HIV/Aids? Das weiss man nicht.

Man sollte das Wort Netzwerk nicht nur aussprechen können, sondern es auch leben.(j.W.)

Die Liste verpasster Gelegenheiten für mehr Prävention, Beratung und Hilfe bei seelischer und sexueller Gesundheit ist lang. Das ist verwunderlich. So gibt es eine Struktur die da Initiative Brandenburg - Gemeinsam gegen AIDS heißt. Hier sitzen potentielle Akteure, sage und schreibe zwei Koordinierungsstellen gegenüber. Die eine ist die Koordinierungsstelle für besagte Initiative. Die andere ist die Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule Belange.

Die müssten doch eigentlich …, sie könnten doch einmal … und es wäre eigentlich ihre Aufgabe….

Der Unterstützung der Brandenburgischen Präventionsstrukturen hilft diese Hoffnung gar nicht. Denn während die Eine tapfer den Gesundheitszieleprozess durch stürmische See steuert und versucht nicht unterzugehen, kann die andere wenig zum Geschehen, auf Grund inhaltlicher Leerräume, beitragen.

Und da sind wir bei des Pudels Kern. Während sich „Machtstrukturen“ des „HIV – Adels“  gegen szenennahe Netzwerker bis zum bitteren Ende wehren, scheitern Berater und Präventionisten immer häufiger an der Realität der Gremien. Ob sie es nun an der Havel oder an der Spree versuchen.
Es kommt auf die persönliche Schmerzgrenze des Einzelnen an, dieses zu ertragen. Bei vielen scheint sie nicht sehr hoch zu sein. Zu den Sitzungen der Initiative Brandenburg - Gemeinsam gegen AIDS kommen nur noch ganz wenige Unentwegte. Ehrenamtler in den Vereinen treten die Flucht an, wenn es sie überhaupt noch gibt.
Die Pokerspieler um Gabriele Kerntopf, Christian Müller und Martin Eiser treten immer dann in Erscheinung, wenn es sinnvolle Projekte zu verhindern gilt. So sind die IWWIT – Schnelltest – Wochen in Cottbus im letzten Jahr massiv behindert worden. Das Angebot der Zusammenarbeit bei einem so wichtigen Projekt wie dem Internetportal LOVE SEX SAFE  wurde rundweg abgelehnt. Zum Welt – Aids – Tag in Cottbus sind mehr Veranstaltungen angekündigt, als schlussendlich durchgeführt wurden.

Das Ganze hat das Ziel: Einfluss, Macht und knappe finanzielle Ressourcen im eigenen Interesse zu verteidigen. Da stört nur jedes Angebot der Unterstützung, denn Netzwerke rufen auch Diskussionen über Inhalte hervor. Nicht jeder und jede in Brandenburg ist darauf vorbereitet. Die mit der zu niedrigen Schmerzgrenze suche inzwischen andere Wege.

Der Weißwurst – Hardliner Peter Gauweiler hätte seine Freude an dieser Struktur der permanenten Verhinderung. Gäbe es eine Verdienstmedaille mit seinem Namen, die drei hätten sie verdient. Gauweiler jedenfalls tät´s auch freuen…

aidspoker Die Tabulose Rundschau ist das Meinungsforum auf Gaybrandenburg.
Grafiken: Gaybrandenburg - Redaktion
Datum: 10. April 2010

Autoren: anonym

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